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Talk:

Zur Komplexität grammatischer Strukturen in Rechtstexten

[15.05.2012]

Referentin: Prof. Dr. Stella Neumann (RWTH Aachen)

Datum/Zeit: Dienstag 15. Mai 2012, 10.15-11.00 Uhr

Ort: Binzmühlestrasse 14, 8050 Zürich

Raum: BIN 2.A.10

Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

Abstract:

In diesem Vortrag werde ich eine Studie zur Optimierung der Verständlichkeit von Rechtstexten vorstellen, die eine Korpusanalyse mit einem psycholinguistischen Experiment kombiniert.

In Beschreibungen der Sprache des Rechts werden als Charakteristika insbesondere der Nominalstil einschließlich komplexer Nominalphrasen sowie überlange und komplexe Sätze genannt. Neben diesen deskriptiven Arbeiten setzen sich Arbeiten zur Rechtsverständlichkeit damit auseinander, wie diese sprachlichen Besonderheiten von juristisch nicht ausgebildeten Bürgerinnen und Bürgern rezipiert werden. Dabei kommen verschiedene (psycho-)linguistische Methoden (u.a. Lautes Denken und Befragung) zum Einsatz, nicht zuletzt um den Wissenshintergrund beim Verstehen von Rechtstexten näher zu beleuchten. Welche Schlussfolgerungen für eine verbesserte Verständlichkeit zu ziehen sind, ist jedoch aus der Arbeit mit fachspezifischen Originaltexten nicht unbedingt klar.

Um juristische Fachtexte für Bürgerinnen und Bürger leichter zugänglich zu machen, ist eine Anpassung an die Lesegewohnheiten von Laien in Betracht zu ziehen. In unserer Studie wurden daher verschiedene Reformulierungen - und damit Anpassungen an die veränderte Zielgruppe - untersucht. Dafür wurde zunächst ein Korpus bestehend aus Entscheidungen des deutschen Bundesverfassungsgerichts, den dazu jeweils veröffentlichten Pressemitteilungen sowie Zeitungsberichten über dieselben Entscheidungen mit grammatischer Information angereichert und ausgewertet. Die erwartungsgemäß hohe Komplexität in den Entscheidungen wurde dann in zwei Schritten unter Beibehaltung des juristischen Gehalts orientiert an den Korpusbefunden  zu den Zeitungstexten zunehmend stark simplifiziert. In einem self paced reading-Experiment wurden dann Lesezeiten, Antworten auf Verständnisfragen sowie die Dauer bis zur Beantwortung der Fragen bezüglich dieser Reformulierungen ausgewertet.

Bezogen auf die einzelnen Schritte ergibt sich das folgende Gesamtbild. Die zuvor nur in exemplarischer Form beschriebenen Besonderheiten von Rechtstexten können am Beispiel von Gerichtsentscheidungen auch empirisch bestätigt werden. Die Analyse zeigt dabei detailliert, worin sich die Komplexität der Strukturen genau manifestiert. Im psycholinguistischen Experiment schließlich schneidet die Reformulierung hin zu einer mittleren Komplexität bei der kombinierten Auswertung am besten ab. Die Studie gibt damit Hinweise für eine mögliche systematische Veränderung von Gerichtsentscheidungen mit dem Ziel einer verbesserten Verständlichkeit für juristisch nicht ausgebildete Bürgerinnen und Bürger. Diese sind jedoch im Kontext der Möglichkeiten und Grenzen eines sprachwissenschaftlichen Beitrags zur Verbesserung der Rechtsverständlichkeit zu sehen. Daher sollen abschließend auch methodische Fragen der vorliegenden Studie und der erwartbare Nutzen isolierter grammatischer Manipulationen im Kontext etablierter Diskurssituationen näher beleuchtet und mögliche Lösungsansätze angesprochen werden.

(hinzugefügt am 2012-04-30)

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